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Thun

HOme Sweet Home

Italien respektive Mailand war zwar ein kurzer aber ein guter Zwischenstopp auf dem Rückweg in die Schweiz. Wir haben nicht einmal zwei Tage hier verbracht, weshalb eine Statistik wenig Sinn machen würde. Aber hochgerechnet hätten wir das Budget hier inklusive An- und Abreise um 80% überschritten aber wenn wir nur Essen, Unterkunft, usw. ohne An- und Abreise rechnen waren wir voll auf Kurs gewesen. Sozusagen eine Punktlandung auf 100%. Aber eben bei weniger als zwei Tagen wenig aussagekräftig.

 

Heute geht es auf zu unserer letzten Etappe der Weltreise. Auf nach Hause, nach Thun, "Die Stadt der Alpen" oder auch "Das Tor zum Berner Oberland" genannt. Wir packen ein letztes Mal unsere Rucksäcke und nehmen ein letztes Mal den anstrengenden Marsch zu einem Bahnhof auf uns.

Es ist Freitagmorgen, kurz nach 7 Uhr als wir in Mailand in den Zug steigen. Die letzten Kilometer führen uns nun durch das Wallis und entlang des Thunersees. Beni freut sich, Joli weiss nicht richtig ob ihr eher zum Lachen oder Heulen zumute ist. Es ist schon komisch nach so langer Zeit plötzlich wieder in bekanntem Gebiet unterwegs zu sein, alle zu verstehen und von allen verstanden zu werden.

Als der Kondukteur vor uns steht, begrüsst ihn Beni trotzdem mit einem freundlichen «Hello» worauf dieser uns mit einem sehr freundlichen «Welcome to Switzerland» begrüsst. Das ist dann wohl die Macht der Gewohnheit. Wir schauen uns an und müssen uns das Lachen schon ziemlich verkneifen.

Am Bahnhof in Thun besteht unser Empfangskomitee aus Joli’s Schwester Möni und Mum Brigitta und aus Beni’s Tante Regula und seinem Grossvater Roland – inklusive einem Päckli Cervelat. Herrlich. Auf Gleis 1 steht ganz frech, der Orientexpress oder sonst so ein Schickimicki-Express - sollen wir gleich weiterfahren? Wäre ganz schön frech oder?

Letz Fetz

Bei Brigitta & Markus Hegetschweiler beziehen wir unser temporäres Zimmer, welches noch mit viel Osterschokolade dekoriert ist und ganz wichtig einen A4 Ausdruck der Hausregeln. Nach einem leckeren Frühstück mit vielen heimischen Leckereien inklusive selbstgemachtem Butterzopf, legt Brigitta sogleich los wie ein Wirbelwind.

Die Rucksäcke werden in Rekordzeit auseinandergenommen (auf dem Balkon versteht sich, denn man weiss ja nie wer da noch ungewollt mitgereist ist an komischen Tierchen und so) und die Waschmaschine weiss nicht mehr recht wie ihr geschieht – Benjoli auch nicht. Eine solche Geschwindigkeit sind wir uns nicht mehr gewohnt. Schon bald stehen wir halbnackt auf dem Balkon und packen die restlichen Dinge aus unseren Rucksäcken, während unsere Kleider sich in der Waschmaschine wieder den Schweizer Sauberkeitsstandart aneignen.

Nach knapp zwei Tagen ist alles wieder wie es einmal war und wir könnten uns bereits dem bürokratischen Teil unserer Rückkehr zuwenden. Doch zuerst sind die ersten Wiedersehen mit Familie und Freunden an der Reihe, schliesslich haben wir alle lange nicht mehr gesehen.

Bürokratie und Inkompetenz

Wir besuchen dann auch schon bald unseren Estrich um ein paar persönliche Dinge abzuholen. Dazu gehören eine Ladung Kleider und Schuhe, sowie unsere beiden Fahrräder. Während wir die Fahrräder nach Hause bewegen, heisst uns das Wetter dann auch gleich so richtig hässlich willkommen. Es giesst wie aus Kübeln und seit unserer Ankunft ist auch wieder der Winter eingebrochen. Es ist Schweinekalt! Also das Wetter gibt sich in den ersten Wochen alle Mühe uns wieder zu vertreiben. Sehr unhöflich.

Ein Besuch im Migros steht natürlich auch an und wir staunen über den wahnsinnigen Überfluss an Lebensmitteln, die hier angeboten werden und am Ende vor allem über den gigantischen Preis für die paar kleinen Dinge, die wir einkaufen *schluck*.

Die Anmeldung bei der Stadt Thun verläuft schnell und unkompliziert wobei wir beim letzten Herkunftsort nicht Mailand, Italien, sondern Tokio, Japan angeben. Schon spannend wie das läuft hier. Wir tanzen mit unseren Heimatscheinen an, teilen den Einreise Ort (welchen wir vorher abgesprochen haben, denn der steht dann so kuhl auf dem Niederlassungsausweis drauf) und das heutige Datum als Anmeldungsdatum mit und schon sind wir wieder aufgenommen. Nicht einmal eine Kontrolle wurde gemacht, ob wir auch wirklich die sind, die wir behaupten zu sein, aber wichtig: die 20.- pro Person die wurden dann schon kassiert. Ordnung muss sein.

Innerhalb eines Tages sind auch bereits alle Service Termine wie Arzt, Coiffeur, Augenoptiker, Chiropraktiker, Massage und Hautarzt abgemacht. Ein grosser Service steht an. Auch Krankenkasse, Steuern, Zivilschutz und weitere Behörden und Dienstleister wie etwa unsere Banken, sind über unsere Rückkehr informiert, damit alles seinen Lauf nehmen kann und wir wieder Teil des Systems werden.

Bei einigen geht es einfach, andere sind dann wiederum wahnsinnig kompliziert und begriffsstutzig. Bis alle unsere richtige Adresse, welche seit Anfang Juli im Lerchenfeld ist, im System haben und die Post nicht mehr an Brigitta senden, soll es tatsächlich November werden… Man fasst es nicht!

Auch beim Abschluss eines Natel Abos, wir müssen ja jetzt auch wieder jederzeit für jedermann erreichbar sein, fragen wir uns ernsthaft, was für Leute hier auf unschuldige Kunden losgelassen werden.

Also das Fazit von unsere ersten Kontakten mit der Bürokratie, diversen Kundenservicen und sonstigen leider nötigen (in unseren Augen unnötigen) Dingen ist ernüchternd: Ärger, nichts als Ärger! Unfassbar.

Das Einleben

Die ersten paar Tage sind noch wie ein neuer Zwischenstopp auf der Weltreise aber je länger je mehr kommen wir wieder in eine Art Altagstrott hinein. Die Wohngemeinschaft ist aber super. Wir haben viel Spass, jede Menge gutes Essen und praktisch jeden Tag zur Feier des Tages noch ein kleines Dessert.

Während den Ferien von Markus und Brigitta machen wir als Dank fürs Asyl den Frühsommerputz und gehen aber auch einige Wohnungen anschauen.

Wir sind erstaunt, dass wir bereits im Juni eine Zusage für eine Wohnung bekommen, obwohl wir doch beide kein Einkommen haben. Naja mittlerweile kann man wohl sagen, die waren froh einen Trottel gefunden zu haben, der die Wohnung nimmt und sich vom neuen Anstrich hat blenden lassen. Zwar ist die Wohnung schön, hell, mit Balkon und genialer Bergsicht aber ansonsten einfach steinalt und schrottreif. Wir haben ständig Handwerker im Haus, die wieder etwas reparieren müssen und einen regen Kontakt mit der Verwaltung.

Während Beni schon fleissig auf Stellensuche ist, geniesst Joli in vollen Zügen den Sommer, der endlich kommt. Das Verständnis wie man es vermissen kann zu arbeiten, fehlt Joli völlig. Aber auch gemeinsam unternehmen wir sehr viel. Wir sind viel in den Bergen und geniessen es auch in der Schweiz einmal so viel Zeit und Musse zu haben. Trotzdem haben wir immer etwas los. Es läuft viel mehr als noch auf unserer Reise, die ruhigen Tage mit süssem nichts Tun, die wir regelmässig eingebaut hatten, die fehlen hier, weshalb wir auch kaum dazu kommen unsere Homepage fertig zu stellen.

Beim Schreiben dieses Berichts haben wir bereits den 1. Dezember. Wahnsinn nicht? Wir sind beide wieder in der Arbeitswelt aufgenommen worden und sind wieder voll drin im Schweizer Mood. Nervende Nachbarn, arbeiten, einkaufen, fünf verschiedene Käsesorten im Kühlschrank haben, putzen, waschen, freudige Treffen mit Freunden und Familie, endlich wieder selber kochen, TV gucken am Feierabend, Cumulus Punkte sammeln, Rechnungen zahlen, und, und, und. Es geht wahnsinnig schnell, die Zeit verfliegt geradezu.

Benjoli’s Persönlichkeit

Hat uns das Reisen verändert? Beni: «Ja, ganz klar! Ich trage die Unterhosen nun bis zu drei Tage lang!»

Wir sind offener, flexibler und anpassungsfähiger. Aber gleichzeitig sind wir auch unflexibler, haben weniger Verständnis und sind schnell genervt. Weshalb ist das so? Auf Reisen lernt man schnell, dass man einfach flexibel sein muss. Selten läuft etwas nach Plan. Die Standards sind weniger hoch als in der Schweiz und man nimmt alles etwas lockerer. Aber das passt schon, denn man hat Zeit und die Kosten sind in der Regel auch nicht zu vergleichen, mit denen in der Schweiz.

Wieder im Schweizersystem sieht es anders aus. Unsere Erwartungen an die Schweiz, die Menschen, den Service usw. sind grösser geworden. Umso schneller sind wir von einer Leistung enttäuscht, genervt oder gehen auch schon Mal wegen Kleinigkeiten die Wände hoch. Ein gutes Beispiel sind die ÖV.

Wenn wir in Ecuador einen Bus nehmen wollen um in einer Stunde von A nach B zu kommen, bezahlen wir dafür ca. 1.-, wir haben am Ankunftsort nichts weiter vor als in der Unterkunft einzuchecken und somit stresst es uns auch nicht wenn dieser Bus zwei Stunden zu spät kommt. Wir haben Zeit, bezahlen wenig und es entstehen keine Folgen für uns.

Wenn wir aber hier in einen Zug steigen, haben wir meistens irgendwo einen Termin. Für eine Stunde Fahrt bezahlen wir unter Umständen bis zu 60.-, allenfalls müssen wir früher von der Arbeit weg und auch noch umsteigen, um ans Ziel zu gelangen und dann sind 5 Minuten Verspätung, die dazu führen, das wir den Anschluss und allenfalls den Termin verpassen sehr ärgerlich.

Eigentlich wollten wir die Lockerheit des Reisens beibehalten, denn der Ecuadorianer regt sich auch nicht auf wenn der Bus zu spät kommt und er hat vielleicht auch Termine, die Fahrt ist für ihn teuer und er verpasst einen zweiten Bus – also wie wir hier. Zugegeben in manchen Situationen gelingt es uns alles etwas lockerer zu sehen in anderen weniger.

 

Fazit: man verändert sich auf jeden Fall. Aber diese Veränderungen, dann auch immer im Alltag einzubauen ist gar nicht so einfach wie wir das gerne hätten, denn die Umstände sind hier einfach andere als auf Reisen.

Wie geht es weiter?

Wir wollen weiter Reisen, dass ist klar. Von Asien fehlt uns noch sehr viel, aber vielleicht, machen wir dies in ein oder zwei kürzeren Ferienreisen. Noch einmal um die Welt? Das ist noch unklar, aber die Träumereien laufen bereits wieder auf Hochtouren und der Dauerauftrag aufs Sparkonto steht!

Jetzt folgt noch eine Abschluss Statistik bevor wir uns für eine Weile verabschieden. Sobald es weitergeht, seid ihr die Ersten, die es erfahren!

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